JA für den Fortschritt: Für ein stimmiges Gesamtkonzept statt Investorenarchitektur

Liebe Fraktionen der Stadt Vaihingen. Vielen Dank für eure  etwas irritierende Anzeige im Wochenblatt. Wir wissen: Ihr seid für die Bebauung des Enßle-Areals. Das ist völlig in Ordnung und euer gutes Recht. Doch wir fragen uns: Was sind die Argumente der Stadt für den Bau? Sicherlich kann man mit den Schlagworten „Stillstand“ und Fortschritt“ eine Argumentation vortäuschen. Die Stadt will „Fortschritt“, der BGB wird der schwarze Peter für den „Stillstand“ zugeschoben. Doch so einfach ist es nicht. Wir fragen: Was hat es mit „Fortschritt“ zu tun, an dieser Stelle 16 Luxuswohnungen bauen zu lassen? Was hat es mir „Fortschritt“ zu tun, drei neue Einzelhandelsflächen zu eröffnen, wenn es in der Stadt vor leeren Ladenflächen und gähnender Langeweile wimmelt?

Die Stadt bezieht sich nur zu gerne auf das Einzelhandelsgutachten des Büros Acocella aus dem Jahr 2006. Wer nachlesen möchte: Die Empfehlung für die Nutzung als Einzelhandelsfläche steht auf Seite 142. Die bevorzugte Lage für neue Einzelhandelsflächen war übrigens nicht das Köpfwiesenareal, sondern der Kelterbuckel an der Grabenstraße, ebenfalls nachzulesen auf S. 142. Damals stand das Gelände durch Museumspläne nicht zur Verfügung. Heute ist es so gut wie verkauft. In den Jahren dazwischen wurden die Gebäude, die als ideal für die Innenstadtentwicklung angesehen wurden, als Abstellfläche verwendet. Aber wie gesagt: Das nur am Rande.  Das Einzelhandelsgutachten besteht aber nicht ausschließlich aus Seite 142 und wenn die Stadt sich über Stillstand beschwert, sollte sie sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, denn wir wissen alle: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“

Aber zurück zum Thema: Die BGB hindert die Stadt keineswegs daran, die nächsten drei Jahre aktiv zu werden, schließlich könnte die Stadt zusammen mit den Bürgern Ideen für das Gartenareal und die Gebäude in den Köpfwiesen entwickeln, die für alle ein Gewinn sind, ohne die Einzelhändler der Stadt noch zusätzlich durch die Konkurrenz großer Ladenflächen in Bedrängnis zu bringen. Nichts anderes waren unsere Forderungen, die wir im Interesse der Innenstadtentwicklung gestellt haben!

Die BGB würde es sehr begrüßen, wenn in der Stadt endlich was in Bewegung kommen würde, z.B. wenn diverse Hausbesitzer der Innenstadt dazu zu verführt werden könnten, ihre in die Jahre gekommenen grauen Fassaden zu renovieren – die Erhaltung eines attraktiven, individuellen Stadtbildes steht nämlich mit im Maßnahmenkatalog zur Stärkung des Einzelhandels. Weiterhin wird als explizit wichtig erachtet, den zahlreichen Leerstand der Stadt zu bekämpfen und das Einzelhandelsangebot zu steuern. Es gibt nämlich nur eine begrenzte Anzahl an Friseuren und Wettbüros, die eine Stadt ertragen kann. Diese Punkte scheint die Stadt übersehen zu haben?

Wir laden die Stadt besonders herzlich dazu ein, endlich das überfällige stringente und stimmige Gesamtkonzept für die Stadtentwicklung vorzustellen und vor allem umzusetzen, anstatt kopflos mal hier, mal dort „irgendetwas“ zu machen. Übrigens: das Stadtkonzept ist ebenfalls einer der zentralen Punkte des Einzelhandelsgutachtens.

Es reicht in unseren Augen nicht, dem Siedlungsdruck nachzugeben, einen überproportionierten Betonbau irgendwo in die Landschaft zu setzen und zu behaupten, dies sei Fortschritt! Das Argument, dass „Endlich“ was passiert sind keine Argumente, sondern zeugen viel eher von blindem Aktionismus und planlosem Stückwerk, wie es in unseren Augen die Baupläne für das Enßle-Areal sind.

Liebe Stadt, liebe Fraktionen, liebe Mitbürger: Fortschritt ist ein Prozess, der manchmal mühsam und frustrierend ist, Zeit kostet, Geld kostet. Aber er ist es wert! Fortschritt besteht hingegen nicht darin, die Verantwortung für die Entwicklung der Stadt an Investoren zu verscherbeln.

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