Das Enßle-Gebäude, wie es aussehen könnte

In den vergangenen Wochen haben uns mehrere Emails erreicht, in denen wir gefragt wurden, wie es denn nun aussehe, das alte Bauwerk? Die hässliche Eternit-Verschalung, die das Enßle-Gebäude derzeit ziert, wurde in den 70er-Jahren des letzten Jahrtausends angebracht. Es ist daher, das geben wir gerne zu, keine Augenweide, weswegen es vielen so unverständlich erscheint, wieso wir das Bauwerk als schützenswert erachten.

Das Enßle als Industriedenkmal

Nun, es ist nicht immer nur die Optik entscheidend. Das Enßle-Gebäude, wie es in Vaihingen allgemein genannt wird, ist eine ehemalige Handschuhfabrik. Es ist ein Zeugnis aus der Zeit der Gerber, sogar das letzte, das noch steht. Die Gerber- und Leimsiederkultur hat damals den Vaihingern Wohlstand beschert. Es ist daher, wenn man so möchte, ein geschichtliches Zeugnis. Sobald es einmal abgerissen ist, wird es nicht wieder aus der Ecke hervorgeholt werden können. Es ist ein Stück Industriekultur. Etwas, das in anderen Städten als Touristenziel in den letzten Jahren wiederentdeckt wird. Industriekultur gilt in den Augen vieler nicht als schützenswert, als minderwertig gegenüber den großartigen Bauten des Barock oder der Gotik, und doch hat die Industriekultur ihren ganz eigenen Charme und ihren eigenen Charakter. Und finden Sie nicht ebenfalls, dass schon viel zu viel alte Baumasse dem Bagger zum Opfer gefallen ist, durch Beton ersetzt wurde und unser Städtchen so nach und nach immer mehr an Einzigartigkeit verliert?

Historisches Enßle-Gebäude

Aber zurück zum Thema. Historische Bilder haben wir nicht viele. Hier zum Beispiel ist eine historische Luftbildaufnahme, auf dem noch die komplette Handschuhfarbik zu erkennen ist und das alte Sarglager noch steht. Man sieht nicht viel, aber dass es sich um einen Backsteinbau handelt, kann man gut erkennen.

Gerade solche alten Industriegebäude aus Backstein bieten sich an, nicht nur renoviert zu werden. Sie bieten viele Möglichkeiten, die Kreativität bei der Restaurierung spielen zu lassen, da sie in sich schon sehr schlicht sind und daher flexibel an die heutige sehr minimalistisch ausgerichtete Ästhetik anpassbar sind.

Vorbild für das Enßle? Die Pose-Marré in der Nähe von Düsseldorf

Als Beispiel möchte ich – und hier beziehe ich mich ausnahmsweise einmal auf mich selbst  – das Gelände der Pose-Marré nennen. Die Pose-Marré war eine ehemalige Stahlfabrik in der Nähe von Düsseldorf, in einem Städtchen, in der ich als Studentin gewohnt habe. Jeden Tag bin ich auf dem Weg zur Uni oder in der Stadt an diesem Gelände mit den sich selbst überlassenen Fabrikbauten vorbeigekommen. Das Gelände war von Unkraut überwuchert, die Fenster zersprungen, die Gebäude sich selbst überlassen. Sehr reizvoll sah das Gelände im Zentrum des Städtchens wahrhaftig nicht aus, im Gegenteil: Es war ein wahrer Schandfleck für die Stadt … bis ein Investor die Möglichkeiten gesehen hat. Statt die verfallenen und heruntergekommenen Gebäude abzureißen, wie es die Stadt nämlich ursprünglich geplant hatte, um dort einen x-beliebigen Supermarkt aufzubauen, wurden die alten Gebäude renoviert und modernisiert.Heute findet man alt und neu in symbiotischer Beziehung nebeneinander. Aus dem ehemaligen Schandfleck ist ein wahres Schmuckstück geworden, das Gewerbe, Wohnen und Kultur in sich vereint: Dort finden Konzerte, Kabarets und Ausstellungen statt, es gibt Büros und Wohnungen, eine Gastronomiebetreiber wird gerade gesucht. Was ich damit sagen möchte ist, dass hier ein Weg gesucht und gefunden wurde, ein Problemfall der Stadt in einen Anziehungspunkt zu verwandeln. Das wäre mit dem Enßle-Gebäude ebenfalls (in kleinerem Rahmen natürlich) möglich, sofern, ja, sofern der politische Wille dazu vorhanden ist.

Visualisierung: Wie könnte das Enßle-Gebäude in modernisierter Form aussehen?

Ideen gibt es, das hat uns unsere Postkartenaktion „Zündende Ideen“ oder das „Projekt LIFEHOUSE“gezeigt. Es sind Ideen, von denen sich nicht nur eine einzige umsetzen lassen würde, sondern gleich mehrere, in unseren Augen zum Vorteil der Stadtentwicklung, da Erholungszonen in Vaihingen fehlen. Einer der Mitglieder der BGB hat sich die Mühe gemacht und das Enßle-Gebäude visualisiert, wie es in einem renovierten Zustand aussehen könnte.  

Finden Sie nicht auch: Ein historisches Bauwerk mit warmer Backsteinfassade passt einfach viel besser zu einer Altstadt, die stolz ist auf ihr historisches Erbe als ein moderner, überdimensionierter Neubau?

 

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